Edgar Morin: Das Leben als unvollendete Methode

Helena Knyazeva hat einen Nachruf auf Edgar Morin verfasst. Sie ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat unseres Instituts wie Edgar Morin es war.


Edgar Morin: Das Leben als unvollendete Methode

Helena Knyazeva

Edgar Morins Tod beendete ein mehr als hundertjähriges Leben, doch kaum das intellektuelle Abenteuer, das er La Méthode nannte. Mir scheint, dass es bei Morin besonders schwierig ist, die übliche Trennung zwischen dem Leben eines Denkers und seinem Werk vorzunehmen. Er selbst sprach von œuvre-vie — einem „Werk-Leben“: Das Leben nährt das Werk, das Werk verändert das Leben, und das Denken kehrt zu seinem Urheber zurück und verwandelt ihn. In diesem Sinne war eine der zentralen Ideen Morins — die Rekursivität — nicht nur ein Prinzip seiner Epistemologie, sondern auch eine Lebensweise.

Seine Biographie bestätigt dies auf erstaunliche Weise. Der frühe Tod seiner Mutter, der Krieg und seine Teilnahme an der Résistance, seine Hinwendung zum Kommunismus und die darauf folgende schmerzhafte Selbstkritik, Literatur, Film, Soziologie, Biologie, Kybernetik und Systemtheorie — all dies wurde zum Material seines Denkens. Morin war nie der Philosoph einer einzelnen Disziplin. Im Gegenteil: Gerade die disziplinäre Fragmentierung des Wissens erschien ihm als eines der Hindernisse für das Verständnis der Welt. Daraus erwuchs sein Verständnis von Komplexität: complexus ist das, was „zusammengewebt“ ist. Das Komplexe zu erkennen bedeutete für ihn nicht, Unterschiede aufzuheben, sondern zu lernen, die Verbindungen zwischen Verschiedenem zu sehen.

Daraus erklärt sich auch der besondere Charakter des sechsbändigen La Méthode. Trotz des Titels wollte Morin keinen universellen Algorithmus des Erkennens schaffen. Methode war für ihn vielmehr eine Strategie der Bewegung in einer Welt, die Zufall, Ungewissheit und Unerwartetes enthält. Er liebte die Zeile Antonio Machados: Caminante, no hay camino, se hace camino al andar — „Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen.“ Vielleicht bringt diese Zeile auch seine eigene intellektuelle Biographie besser zum Ausdruck als viele Definitionen.

Ich hatte das Glück, Morin persönlich zu kennen und mit ihm zusammenzuarbeiten. In Russland erschienen der erste Band von La Méthode, La Nature de la nature (1977), sowie Les sept savoirs nécessaires à l’éducation du futur (1999) in meinen Übersetzungen. Bei meinen Gesprächen mit ihm in seinem Haus in Paris konnte ich mit ihm auch einzelne Fragen meiner Übersetzungen erörtern. Diese Gespräche waren für mich eine einzigartige und außerordentlich wertvolle Erfahrung. Doch neben seinen philosophischen Ideen sind mir ganz andere Dinge besonders lebendig in Erinnerung geblieben: seine außergewöhnliche Neugier, sein Wohlwollen und seine Offenheit gegenüber Menschen sowie seine Fähigkeit, sich bis ins hohe Alter für Neues zu begeistern. Er wünschte sich sehr, dass Penser l’Europe ins Russische übersetzt würde, und sprach mit mir darüber als seiner russischen Übersetzerin. Russland war für ihn keineswegs etwas, das außerhalb Europas lag. Dahinter standen sowohl sein Verständnis der europäischen Geschichte als auch seine tiefe Liebe zur russischen Literatur — zu Dostojewski, Tolstoi und Tschechow.

In den letzten Jahrzehnten war Sabah Abouessalam an seiner Seite — Ehefrau, Freundin, Gesprächspartnerin und Koautorin. Wenn Morin gefragt wurde, was es ihm ermöglicht habe, ein so langes und intellektuell reiches Leben zu führen, war seine Antwort erstaunlich einfach: Liebe und Neugier. Mir scheint, diese Formel sagt über seine Philosophie nicht weniger aus als viele Seiten der Méthode. Neugier bedeutet Offenheit gegenüber dem Unbekannten; Liebe bedeutet Offenheit gegenüber dem Anderen. Beides steht jener Abgeschlossenheit entgegen, die für Morin zugleich eine intellektuelle und eine menschliche Gefahr darstellte.

Vielleicht wurde gerade deshalb reliance zu einem seiner wichtigsten Begriffe — das Verbinden, die Wiederherstellung von Beziehungen zwischen dem, was getrennt worden war. Er wollte Natur- und Geisteswissenschaften, Mensch und Natur, Rationales und Emotionales, Autonomie und Abhängigkeit, Wissen und Verantwortung miteinander verbinden. Sein Homo sapiens/demens — der zugleich vernünftige und wahnsinnige Mensch — war auch die Anerkennung dessen, dass sich das Menschliche nicht durch ein von allem Irrationalen gereinigtes Vernunftmodell verstehen lässt.

In dieser Hinsicht gehört Morin zu jener großen intellektuellen Tradition, aus der die moderne System- und Informationsphilosophie hervorgegangen ist. Einer ihrer bedeutendsten Vorläufer war der österreichische Biologe Ludwig von Bertalanffy. Seine Allgemeine Systemtheorie wandte sich gegen den Reduktionismus, verlagerte die Aufmerksamkeit von isolierten Elementen auf Organisation und Beziehungen und betrachtete den lebenden Organismus als offenes System, das durch einen kontinuierlichen Austausch mit seiner Umwelt existiert. Bertalanffy sah im Systemansatz zugleich einen Weg zur Integration von Natur- und Sozialwissenschaften und zur Überwindung der disziplinären Fragmentierung des Wissens. Morin nimmt diese systemtheoretische Wende auf, geht jedoch darüber hinaus: Das System ist für ihn nicht nur ein organisiertes Ganzes, sondern eine Einheit von Ordnung, Unordnung, Interaktionen, Rückkopplungen und emergenten Eigenschaften; die Offenheit des Systems wird im Prinzip der Auto-Öko-Organisation weiterentwickelt. In dieser Perspektive lässt sich der Übergang von der Allgemeinen Systemtheorie Bertalanffys zu Morins Denken als eine Bewegung von der Theorie offener Systeme zu einer umfassenderen Epistemologie der Komplexität lesen.

Nicht weniger bedeutsam ist die informationstheoretische Linie dieser Entwicklung. Morin entwickelte La Méthode im Dialog mit Kybernetik, Informationstheorie und der Erforschung der Selbstorganisation — mit den Ideen von Wiener, Shannon, von Neumann, Ashby und von Foerster. Später sagte er selbst, gerade diese Forscher hätten ihm Elemente für die Entwicklung einer Theorie komplexer Organisation geliefert. Information interessierte Morin jedoch nicht als abstrakte Größe an sich: Sie gewinnt ihre Bedeutung innerhalb eines organisierten lebenden, kognitiven und sozialen Systems. Genau an diesem Punkt berührt sich sein Vermächtnis mit der modernen Informationsphilosophie. Gerade für eine Philosophie der Information, die Information nicht isoliert, sondern in ihren natürlichen, sozialen und technologischen Zusammenhängen begreift, bleibt diese Perspektive Morins von besonderer Aktualität.

Wenn Information in Prozesse der Organisation, Erkenntnis und Handlung eingebunden ist, stellt sich heute die Frage, ob Informationsstrukturen nicht nur Träger von Information, sondern auch Komponenten verteilter Handlungsmacht (distributed agency) sein können. Morin selbst stellte diese Frage nicht in dieser Form. Seine écologie de l’action — seine „Ökologie des Handelns“ — eröffnet jedoch eine Perspektive, aus der sie neu formuliert werden kann: Sobald eine Handlung in ein Netzwerk von Interaktionen eintritt, gehört sie nicht mehr vollständig dem ursprünglichen Subjekt, und ihr Ergebnis wird zum Effekt des gesamten Beziehungsgefüges. In der digitalen Welt erhält dieser Gedanke eine neue Bedeutung — insbesondere im Hinblick auf Algorithmen, KI und hybride Mensch-Maschine-Systeme.

Für Morin bedeutete die Anerkennung der Verteiltheit und Ungewissheit des Handelns jedoch niemals ein Verschwinden der Verantwortung. Im Gegenteil: Der sechsbändige Zyklus von La Méthode endet folgerichtig mit dem Band Éthique. Die Erkenntnis der wechselseitigen Verbundenheit führt zur Verantwortung für diese Verbundenheit. Komplexes Denken mündet damit in eine Ethik der reliance — eine Ethik der Solidarität, der wechselseitigen Abhängigkeit und der Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns, selbst dort, wo diese Folgen niemals vollständig vorausgesehen werden können.

Darin liegt vielleicht der Grund für Morins erstaunliche Aktualität. Er hinterließ uns kein System, das man übernehmen müsste, und keine Methodik, die man nur anzuwenden bräuchte. Er hinterließ ein offenes Programm des Denkens — die Forderung, Getrenntes miteinander zu verbinden, den Beobachter wieder in das Beobachtete einzubeziehen, Ungewissheit anzuerkennen, die eigenen Überzeugungen zu revidieren und keine intellektuelle oder zivilisatorische Errungenschaft für endgültig zu halten.

In Mes démons formulierte Morin sein lebenspraktisches und epistemologisches Credo: „« Je sais que le temps de la résistance va continuer. Je sais qu’il faut chaque fois tout recommencer à zéro… nul acquis de la civilisation n’est définitif… l’issue de l’aventure n’est pas prédéterminée.»“ (Morin, 1994, p. 334–335)*.

Nach seinem Tod erhalten diese Worte eine andere Bedeutung. Sein eigenes Abenteuer ist zu Ende gegangen, doch das intellektuelle Abenteuer des komplexen Denkens nicht. Und vielleicht ist es gerade deshalb angemessen, mit den Worten zu schließen, die seiner Lebenshaltung so sehr entsprachen: L’espoir fait vivre — Hoffnung lässt uns leben. Für Morin war dies kein naiver Glaube an einen unvermeidlichen Fortschritt. Wenn die Zukunft nicht vorherbestimmt ist, ist eine Katastrophe möglich — aber ebenso möglich ist etwas, das wir noch nicht vorauszusehen vermögen. Gerade weil das Abenteuer nicht vorherbestimmt ist, bleibt Raum für Denken, Handeln und Hoffnung.

* „Ich weiß, dass die Zeit des Widerstands weitergehen wird. Ich weiß, dass man jedes Mal wieder bei Null anfangen muss… keine Errungenschaft der Zivilisation ist endgültig… der Ausgang dieses Abenteuers steht nicht von vornherein fest.“


Comments:0

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.